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Brudeli - Mit Sicherheit schräg

 

Das Brudeli Leanster 654L verbindet die Nachteile des Motorrades mit denen eines Mehrspurfahrzeugs. Das Brudeli Leanster ist die Antwort auf eine Frage, die niemand gestellt hat. Solch krude Phrasen aus der untersten Schublade der Benzinkonversation sind leider sogar in Biker-Kreisen an der Tagesordnung, von denen man eigentlich ein fundierteres und differenziertes Urteil erwartet.

 

 

Nachvollziehbar "erfährt" man die Wahrheit über alternative Fahrzeugkonzepte immer erst, wenn man mit ihnen fährt. Also haben wir sofort die Gelegenheit genutzt, das Brudeli Leanster zu probieren, als uns Steffen Hoffmann dies anbot. Der Inhaber der Design- und Tuningschmieden DTP/HAI hatte sich nämlich das erste und bislang einzige Leanster aus Norwegen kommen lassen. Aus zwei Gründen: Erstens hat er mit dem Trimo bereits selbst ein derartiges Dreirad konstruiert. Und zweitens beschäftigt sich Hoffmann intensiv mit dem Tuning des CanAm Spyder Roadster - Spurverbreiterung, dicke Vorderreifen, zusätzliche Handbremse etc.  Rational sprechen Sicherheitsaspekte für zwei Vorderräder bei einem schräglagentauglichen Fahrzeug. Piaggio MP 3, Gilera Fuoco, Adiva AD3 Ruote haben im Rollerbereich bereits bewiesen, dass das Vorderrad-Doppel deutlich höhere Reserven als ein entsprechendes Einspurfahrzeug bietet. Der Haftungszugewinn dürfte bei 80 % liegen. Abgesehen davon, dass Brudeli mit der KTM 690 SM ein Motorrad als Basisfahrzeug wählt, unterscheidet sich das Leanster schon durch seine Spurweite von 1200 mm von den Rollern. Die demontierbaren Trittbretter sind nur für verschärfte Offroad-Einsätze mit Drifts gedacht, als Fußstützen für den normalen Fahrbetrieb taugen sie nicht.   Um mit dem Leanster auf Anhieb zurechtzukommen, bedarf es einer gewissen Motorrad-Erfahrung. Wer lediglich Automobile gewohnt ist, muss das Fahren mit diesem Dreirad genauso erlernen wie mit jedem Zweirad. Doch selbst der Umstieg vom Bike auf dieses Trike erfordert Gewöhnung. Da ist einmal der breite Vorderbau und zum anderen eine deutlich ausgeprägtere Trägheit bei Schräglagenwechseln. Doch wer halbwegs ein Gefühl für Motorräder mitbringt, dürfte nach spätestens zehn Kilometern soviel Vertrauen zum Leanster gefasst haben, dass er Kurven halbwegs manierlich nimmt. Um richtig schnell zu sein, braucht es allerdings einige Trainingseinheiten. Dabei liegt das Problem sicher weniger im ansich neutralen Fahrverhalten als in den Hirnwindungen des Fahrers begründet. Immerhin begrenzt ein mechanischer Anschlag die Schräglage erst bei etwa 45 Grad, auch jenseits dieses Wertes arbeitet die Federung. In diesem extremen Modus soll sich mit Hanging-off der gefahrene Radius weiter verringern lassen. Einlenken wie beim Schwenkergespann (Prinzip Sidewinder/Armec) funktioniert in Hundekurven nicht. 

 

Beim ersten Kontakt fällt auf, dass der Lenkmechanismus, der die Vorderräder in Schräglage kippen lässt, ein hohes Losbrechmoment aufweist - so hoch, dass das Dreirad von allein ohne Seitenständer aufrecht stehen bleibt. Dadurch bedingt ergibt sich auch die bereits erwähnte Trägheit beim Abwinkeln. Wenn man wüsste, dass es nicht besser ginge, würde man sich an diese Eigenheit gewöhnen. Aber es geht besser, wie Steffen Hoffmann mit seinem Unikat "Trimo" beweist. Doch das ist ein Thema, dem wir bei nächster Gelegenheit einen eigenen Beitrag widmen. Je flüssiger der Kurvenverlauf ist und je zügiger man das Leanster bewegt, desto weniger fällt seine Lenkträgheit ins Gewicht.
Apropos Gewicht. Mit leerem Tank wiegt das Dreirad 238 Kilo und damit recht viel, wenn man bedenkt, dass die Basis-KTM gerade 156 Kilo auf die Waage bringt. Aber die Erweiterung des Rahmens und die aufwändige Vorderradführung samt dem zweiten Rad fordern eben ihren Tribut, wobei gewiss noch so manches überflüssige Kilo bei dem überdimensioniert anmutenden Rohrgeflecht abgespeckt werden könnte. Aber gewichtsoptimiertes Konstruieren ist bei Kleinserien immer schwierig, wie vom Gespann- und Trikebau her bekannt. Ganz nebenbei liegt der Schwerpunkt des Leanster weit vorne, was Wheelies nach Hoffmanns Bekunden recht problemlos erlaubt.
Fazit: Konzept interessant, Sicherheit in puncto Fahrstabilität, Spurhaltung und Bremsverhalten hervorragend, Lenkverhalten optimierbar, Motor wegen seines stuckerigen Laufverhaltens bei niedrigen Drehzahlen für dieses Projekt eher kontraproduktiv.
Auch wenn Steffen Hoffmann sich für das weltweit patentierte und mit EU-Betriebserlaubnis versehene Leanster 654L stark macht, wird er es nicht importieren. Der Direktimport aus Norwegen stellt allerdings kein Problem dar. Bezüglich der Händlerbetreuung und der Abwicklung von Gewährleistungs-/Garantieangelegenheiten gibt es allerdings noch grundsätzlichen Klärungsbedarf. Aber solche Kleinigkeiten werden Dreiradfans, die das Besondere suchen, gewiss kaum hindern, das Leanster zu ordern. Sofern sie 23.200 Euro (incl. MWSt) und etwa 1000 Euro Transportkosten für den schrägen Spaß locker machen wollen.

 

Technische Daten: 
Motor: KTM 690 LC4, Einzylinder-Viertakt
Hubraum: 655 ccm
Leistung: 47kW (64 PS) bei 7500/min
Max. Drehmoment: 65 Nm bei 6550/min
Getriebe: Sechsgang 
Fahrwerk: Gitterrahmen aus Stahlrohr
Federung: White Power
Federwege v./h.: 180/210 mm
Bremsen: zwei Scheibenbremsen mit Ø 325 mm vorne, eine Scheibenbremse mit Ø 240 mm hinten
Räder: LM-Guss v. 3.50 x17, h. 5.00 x 17
Bereifung: v. 120/70-17; h. 160/60-17 
Maximale Neigung: 45 Grad
Breite: 1250 mm
Länge: 2160 mm
Radstand: 1510 mm
Bodenfreiheit: 205 mm
Sitzhöhe: 860 mm
Gewicht leer: 238 kg
Höchstgeschwindigkeit: 170 km/h  

 

Infos: http://www.brudelitech.com

AK 23/09